Triggerwarnung: In diesem Beitrag geht es um psychische Belastungen, Krisensituationen und Suizid. Wenn euch dieses Thema aktuell belastet, überlegt bitte, ob ihr den Text lesen möchtet. Die Namen der Patienten wurden von uns geändert.
11:00 Uhr
Heute klingelt mein Wecker deutlich später als bei meinem Einsatz auf der neurologischen Frührehabilitation in Heidelberg. Der Spätdienst beginnt erst um 12:45 Uhr – für mich als klassischen Büromenschen fast schon Luxus.
Ich kann ausschlafen, noch etwas im Haushalt erledigen und mich anschließend entspannt auf den Weg nach Calw machen.
Eins ist jedoch klar: So entspannt, wie der Tag beginnt, wird er nicht bleiben.
Denn heute begleite ich Sabrina auf der AP4 im ZfP Calw – Klinikum Nordschwarzwald. Hier werden Patienten auf einer Krisen- und Akutstation für affektive Störungen wie Depressionen und bipolare Erkrankungen behandelt.
Wie es dazu kam: die Daniel-Jäger-Auktion
Aber kurz dazu, wie es überhaupt dazu kam: Für unsere Neujahrsfeier suchten wir nach einem Programm und unser Team kam spontan auf die Idee, mich zu versteigern. Was als Witz von Frau Striebich begann, wurde schnell ernst: Hülya erkannte sofort die Chance auf ein gemeinsames Praktikum in der Pflege – und kurzerhand wurde beschlossen: Wir verkaufen unseren Daniel.
Wir einigten uns darauf, die Aktion für einen guten Zweck zu nutzen und ich war sofort dabei.
Ich komme selbst nicht aus der Pflege, sondern aus der Personaldienstleistung. Auch wenn ich seit fast sieben Jahren bei easyCare bin, kenne ich vieles nur aus der Theorie. Für mich ist schon länger klar: Ich möchte die Praxis hautnah kennenlernen.
Unsere Gäste waren logischerweise überrascht. Mit fortschreitender Stunde und bester Stimmung stieg der Preis immer weiter an.
Erlös für das Kinderhospiz Sterntaler
2.000 €Die Auktion gewannen Sabrina und Eileen mit gemeinsamen 700 €, die easyCare kurzerhand auf 2.000 € erhöht hat. Gespendet wurde an das Sterntaler Kinderhospiz in Mannheim. Nochmal einen großen Dank an alle, die mitgemacht haben.
Sabrina, Boris und das ZfP Calw
Nachdem ich bereits einen Tag mit Eileen auf der neurologischen Frührehabilitation verbringen durfte, stand heute der zweite Teil meines ersteigerten Schicksals an. Und ehrlich gesagt war ich besonders gespannt.
Während ich mir unter die neurologische Frührehabilitation zumindest grob etwas vorstellen konnte, war die Psychiatrie für mich ein Bereich voller Fragezeichen. Wie läuft dort der Alltag ab? Wie sieht Pflege aus, wenn nicht körperliche, sondern psychische Erkrankungen im Vordergrund stehen? Und welche Herausforderungen begegnen den Pflegekräften jeden Tag? Genau das möchte ich heute herausfinden.
Sabrina hat mich damals gemeinsam mit Eileen ersteigert und ich freue mich sehr, dass sie heute den zweiten Teil meines „erworbenen Schicksals“ übernimmt. Sie ist zwar erst seit rund einem Jahr Teil von easyCare, trotzdem fühlt es sich deutlich länger an. Wir haben von Anfang an ein sehr gutes Verhältnis gehabt und ich schätze die Zusammenarbeit mit ihr wirklich sehr. Die Telefonate sind immer angenehm, unkompliziert und machen einfach Spaß.
Besonders freue ich mich für Sabrina, weil sie heute eine wichtige Entscheidung getroffen hat: Im September startet sie eine neue Ausbildung. Dafür wünsche ich ihr an dieser Stelle von Herzen alles Gute, viel Erfolg und vor allem genauso viel Freude, wie sie sie aktuell in ihren Beruf einbringt. Danke für die gemeinsame Zeit bisher!
Auch Boris lerne ich heute näher kennen. Er ist seit Januar Teil von easyCare und bei ihm schließt sich für mich ein kleiner Kreis, denn ich durfte damals zufällig sein Einstellungsgespräch begleiten. Umso schöner ist es, ihn heute im Einsatz zu erleben. Nach den ersten gemeinsamen Stunden wird schnell klar: Boris ist genauso herzlich und humorvoll, wie ich ihn damals kennengelernt habe.
Das ZfP Calw – Klinikum Nordschwarzwald ist eine Fachklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie. Es stellt die psychiatrische Versorgung zwischen Karlsruhe und Stuttgart sicher.
Im Vorfeld spreche ich noch mit dem stellvertretenden Pflegedirektor, Herrn Bähr. Ich frage ihn, wie ich mich am besten vorbereiten kann. Seine Antwort bleibt hängen:
Bei der Ankunft
Im Dienstzimmer werde ich direkt freundlich empfangen. Auch hier freuen sich alle über meine Süßigkeiten – das eine oder andere Vorurteil über die Pflege scheint also zu stimmen.
Gleich zu Beginn erhalte ich ein kleines Notrufgerät. Es soll bei mir bleiben – falls ich in Gefahr bin. Was ich schnell lerne: Das Gerät verlässt am besten nie meine Hand. Mein größter persönlicher Erfolg an diesem Tag: Ich habe keinen einzigen Hausalarm ausgelöst.
Bei der Übergabe
Die Übergabe startet direkt mit einem Satz, der mich kurz aus dem Konzept bringt: „Wer hat Herrn I. einen Klebestift gegeben?“ Ich bin verwundert über die Frage, kurz darauf bin ich schlauer: Herr I. hat sämtliche Türschlösser auf Station zugeklebt. Die Lösung des Teams ist pragmatisch: Herr I. erhält ein langfristiges Klebeverbot. Und ich finde das fair.
Währenddessen klopft es ununterbrochen an der Tür. Die Übergabezeiten sind zwar geregelt, aber nicht jeder Patient orientiert sich daran – oder kann es.
Auf Station
Beim ersten Rundgang wird mir schnell klar, wie unterschiedlich die Situationen hier sind. Einige Patienten begrüßen mich freundlich und suchen direkt das Gespräch. Andere möchten überhaupt keinen Kontakt und bleiben lieber für sich.
Ich lerne den Begriff „manisch“ nicht nur theoretisch kennen, sondern erlebe ihn direkt im Alltag.
Frau U. liegt in ihrem Einzelzimmer im Bett. Sie steht aktuell kaum auf, hört Stimmen und fragt immer wieder, ob sie etwas falsch gemacht hat. Während des Gesprächs stellt Sabrina fest, dass eine frische Inkontinenzeinlage benötigt wird. Wir fragen vorsichtig, ob mein Beisein für Frau U. in Ordnung ist. Ihre Antwort: „Ich schäme mich ein bisschen.“
Ich bedanke mich für ihre Ehrlichkeit und verlasse den Raum. In diesem Moment wird mir klar, wie wichtig hier nicht nur Pflege, sondern vor allem Würde ist.
Im weiteren Verlauf lerne ich Vanessa kennen – und sie ist die Begegnung, die mich heute am meisten beschäftigt. Vanessa ist erst 20 Jahre alt. Sie sucht viel Nähe, stellt immer wieder Fragen und braucht Orientierung. Schnell wird deutlich, dass sie aktuell nicht stabil ist. Ich merke, wie sich bei mir Mitgefühl aufbaut.
Ein ganz anderes Bild zeigt sich bei Herrn P. Er wirkt stabil, gefasst und kommunikativ. Und dann erfahre ich seine Geschichte: Vor einigen Monaten hat er versucht, sich das Leben zu nehmen und musste reanimiert werden. Heute hat er wieder Einzelausgang nach Absprache auf dem Klinikgelände. Diese Entwicklung zu sehen macht mir bewusst, wie wichtig die Arbeit hier ist. Und dass Veränderung möglich ist – selbst nach sehr dunklen Momenten.
Später kommt es zu einem lauten Weinen auf Station. Frau K. benötigt Hilfe. Sie hat zusätzlich zu ihrer psychischen Erkrankung eine kognitive Beeinträchtigung, was die Kommunikation besonders behutsam macht. Nach ihrem Einverständnis darf ich bei ihrer Versorgung unterstützen. Frau K. ist am Ende wieder beruhigt – und wir auch.
Später motivieren wir Patienten zur Musiktherapie und machen erneut einen Rundgang. Ich beobachte, wie Sabrina für jeden Einzelnen die richtigen Worte findet. Ein „Nein“ wird akzeptiert. Und trotzdem gelingt es ihr erstaunlich oft, Menschen zu erreichen. Das beeindruckt mich sehr.
Am Abend bereiten wir gemeinsam das Essen vor. Ich unterstütze Boris beim Verteilen der Tabletts, schneide Brote, bringe Tee, Kaffee und erfülle kleinere Wünsche. Eigentlich wurde ich vor Manipulation gewarnt. Aktuell fühle ich mich jedoch eher wie eine Mischung aus Servicekraft, Pflegehelfer und Türsteher. Und ehrlich gesagt macht mir genau das gerade Spaß.
Zwischendurch öffne und schließe ich gefühlt hunderte Türen. Als ich einem Patienten die Tür öffne, steht direkt der nächste daneben. „Ich wollte eh gerade raus.“ Hier sage ich zum ersten Mal ziemlich deutlich: Nein. Ich kenne ihn nicht und weiß nicht, ob er Ausgang hat. Also frage ich nach. Er darf tatsächlich raus und hat nach meiner Erklärung auch Verständnis. Für mich nur ein kleiner Moment. Für die Arbeit hier aber ein wichtiger. Ich merke, wie entscheidend klare Grenzen sind.
20:00 Uhr
Und dann fällt irgendwo im Klinikum der Satz: „Heute ist wohl nicht viel los.“ Die verbotenen sechs Wörter.
Gegen Abend werden wir von der Nachbarstation um Unterstützung gebeten. Was dort passiert ist, zeigt mir in diesem Moment sehr deutlich, womit das Team hier täglich konfrontiert sein kann. In diesem Moment wird es sehr still in meinem Kopf – dieser Einsatz beschäftigt mich noch lange.
Kurz danach folgt bereits der nächste Einsatz: Ein Patient wird von der Polizei gebracht. Die Kollegen übernehmen routiniert, die Security ist vor Ort – und erneut wird deutlich: Hier funktioniert das gesamte Haus als Team.
Und plötzlich ist der Dienst auch schon vorbei.
Was bleibt: großer Respekt
Psychiatrische Pflege ist anders, als ich sie mir vorgestellt habe. Sie ist weniger laut, als viele denken. Weniger spektakulär. Dafür aber unglaublich intensiv.
Hier geht es nicht nur um Medikamente oder organisatorische Abläufe. Es geht um Gespräche, Vertrauen, Orientierung – und manchmal einfach darum, für einen Menschen da zu sein, wenn er selbst gerade keinen Ausweg mehr sieht.
Ich bin sehr dankbar, dass ich diesen Einblick bekommen durfte – und auch dieser Tag war für mich eine prägende Erfahrung.
Einen großen Dank an Sabrina, Boris, Herrn Bähr, das gesamte Team und das Zentrum für Psychiatrie Calw – Klinikum Nordschwarzwald und natürlich die Patienten, die mich an ihren Geschichten haben teilhaben lassen.
Zu guter Letzt wurde mir noch eines klar: Solange wir psychisch und körperlich gesund sind, geht es uns verdammt gut. Bitte schätzt jeden Tag. Psychische Erkrankungen können jeden treffen – oft schneller und näher, als wir denken. Umso wichtiger ist es, dass Menschen den Mut haben, Hilfe anzunehmen – und dass es Einrichtungen und Pflegekräfte gibt, die sie auf diesem Weg begleiten.
Bitte passt auf euch auf.
Meine Reise ist noch nicht zu Ende. Du arbeitest bei easyCare und möchtest mich mal auf Station mitnehmen? Gegen einen Spendenbetrag deiner Wahl begleite ich dich gern, und easyCare verdoppelt den Betrag. Meld dich einfach direkt bei uns.



